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Ist Bio der bessere Wein?

Da lohnt eine differenzierte Betrachtung, denn eine Sichtweise, welche die Welt in schwarz und weiß (oder Gut und Böse) einteilt, sollten wir möglichst in unseren „märchen-glaubenden“ Kinderzimmern lassen.

 

Wenn man in Zusammenhang mit Bioweinen von guten oder schlechten Weinen redet, gibt es in erster Linie zwei Faktoren zu beachten:

-          Eine umwelttechnisch ethische Perspektive und

-          Eine gustatorische Perspektive

Als in den 70er Jahren die Bio-Welle begann, war das Klientel v.a. an Lebensmitteln interessiert, die in der Produktion ohne Chemie auskam. Geschmackliche Eigenschaften traten aus meiner Sicht deshalb auch bei diesem „strickjacketragendem Publikum“ eher in den Hintergrund. Und so hatte der Bio-Wein in der elitären Weinszene auch eher den Ruf, von unsauberen Weinen.

Vielleicht könnte das daran gelegen haben, dass der Bio-Kunde nicht zu den kaufkräftigsten Einkäufern gehörte, der bereit war für Bio-Lebensmittel mehr auszugeben, aber preislich doch eine gewisse Obergrenze hatte.

Heute sind die 68er selbst schon Großeltern und haben Enkelkinder, die sich an Straßen festkleben. Aber der Wohlstand ist in all den Jahren stetig gewachsen, sodass sich auch der heutige „Otto-Normal-Verbraucher“ Bio-Produkte leisten kann, wenn er will.

Und im Weinbereich hat sich der Wein-Genießer an ein gewisses Preisniveau gewöhnt, das er bereit ist zu zahlen, wenn die Qualität passt. Mit Wein will man verwöhnt und belohnt werden.

Für die Winzerseite würde diese Entwicklung folgendes bedeuten können: da am Anfang der Entwicklung v.a. wichtig war, dass „Bio“ draufstand, konnte man den Mehraufwand der biologischen Produktion damit kompensieren, dass man Traubengut akzeptierte, welches an der einen oder anderen Stelle nicht so sauber war, als das durch Pflanzenschutzmittel behandelte Traubengut der konventionellen Betriebe. Verbunden mit der Tatsache, dass bei Bio-Weinen weniger geschwefelt wird, war die Qualität dann oft fragwürdig.

Mittlerweile sieht die Sache aber ganz anders aus: Betriebe mit bestem Ruf produzieren mittlerweile Bio-Weine. Denn der deutliche Mehraufwand, welcher v.a. durch händische Arbeit im Weingarten betrieben wird, ist beim Anbau von Reben für hochqualitative Weine ohnehin schon gegeben. Ebenso die geringere Ernte durch die strenge Selektion des Traubenguts. Im Vergleich zum konventionellen Weinbau (0,9 L Trauben/qm) liegt der Ertrag bei Bio-Betrieben bei durchschnittlich 0,5 L/qm, was in etwa dem entspricht, was Spitzenbetriebe durch ihre strenge Selektion ohnehin an Ertrag haben. Warum also nicht den nächsten Schritt wagen und gleich auf den Anbau biologisch produzierter Weine gehen?

Das Restrisiko, das freilich übrigbleibt: schwierige Jahre, bei denen man den Schädlingen und Krankheiten (v.a. Pilz) nicht beikommt. Denn nicht nur der Mensch liebt Weintrauben. Er hat Konkurrenten: Insekten, Schädlinge, Pilze und Beikräuter.

Hierfür stehen dem konventionellen Weinbauern chemische, hochwirksame Pestizide gegen Schädlinge, Fungizide gegen Pilze und Herbizide gegen „Un-Kräuter“ zur Verfügung. Der Bio-Weinbau verzichtet auf den Einsatz dieser „Chemie-Keulen“.

Das heißt aber nicht, dass der Bio-Winzer die Reben völlig ungeschützt lässt. Stattdessen wird versucht, v.a. durch gute Bodenarbeit die Reben stark genug zu machen, damit sie sich wehren können. Der Ansatz ist der, nicht Symptome zu bekämpfen, sondern die Rebstöcke stark genug zu machen, dass sie sich wehren können. Da dies aber nur bedingt reicht, muss er auch Pflanzenschutz betreiben. Zugelassen ist, was in der Natur vorkommt. Gespritzt wird Kupfer, Schwefel und Kräuterextrakte. Gerade Kupfer steht aber schon in der Kritik, sich dauerhaft im Boden anzureichern, was u.a. schädlich für Mikroorganismen ist. Dazu sollte man aber wissen, dass auch im konventionellen Weinbau z.T. auch Kupfer ausgebracht wird. Und das seit über 100 Jahren. Früher wurden nicht selten bis zu 50 Kg/ha ausgebracht. Lt. einer EU ÖKO-Verordnung wird dies mittlerweile auf 6 kg/ha beschränkt und in Deutschland sind die Auflagen hier sogar noch strenger. Hier dürfen im Weinbau nur 3 kg/ha ausgebracht werden.

Was die Düngemittel anbelangt, so müssen gerade konventionelle Landwirte erfahren, wieviel Energie die Düngemittel-Produktion verschluckt, was zu deutlich höheren Preisen führt. Da der Bio-Betrieb nur mit natürlichen Mitteln (z.B. Pferdemist, Humus etc.) düngen darf, ist hier der Bio-Betrieb ausnahmsweise mal im Vorteil. Der CO2-Abdruck ist somit bei biologisch produzierten Trauben deutlich günstiger.

 

Und wie sieht´s im Keller aus?:

Seit 1991 erlässt die EU eine Verordnung, welche einheitliche Vorschriften für Düngemittel und Pflanzenschutz im Öko-Weinanbau festlegt. Allerdings darf der so produzierte Wein sich nicht Biowein sondern als „Wein aus Trauben aus biologischem Anbau“ deklarieren.

2012 kommt dann eine EU-Durchführungsverordnung, welche auch die biologische Kellerwirtschaft definiert, was den Weg für den sog. „Biowein“ frei macht. Was wenige wissen: in der Weinbereitung sind zahlreiche Zusatzstoffe erlaubt, mit denen der Wein „geschönt“ werden kann, um negativen Geschmacksentwicklungen entgegenwirken zu können (ähnliches gilt übrigens auch für die Bierproduktion). Wenngleich diese Stoffe nach der Weinbereitung nicht mehr nachweisbar sein dürfen, sehen das Insider durchaus kritisch. In der angesprochenen Verordnung ist ersichtlich, dass im Vergleich zum konventionellen Weinausbau weniger Stoffe erlaubt sind. Kritiker monieren jedoch, dass noch zu viel zugelassen wird und somit den billig und in großem Stil produzierten Bio-Weinen in die Hände gespielt wird, welche dann in den Supermärkten verkauft werden.

Wenn man dazu bedenkt, dass beim EU-Bio-Siegel nur 95 % der Anbaufläche biologisch bewirtschaftet sein muss und im Notfall sogar Pestizide eingesetzt werden dürfen, fragt man sich schon, wieviel das Siegel überhaupt Wert ist.

Will der Verbraucher da einen Wein, der strengere Regeln hat, so sollte er auf die Bio-Siegel folgender Verbände achten: „EcoVin“,  „Bioland“, „Naturland“ und „demeter“ (= biodynamisch).

Verbunden mit diesen Bio-Siegeln ist immer auch eine Kontrolle durch die entsprechenden Verbände. Diesen Kontrollen will sich nicht jeder Winzer unterziehen, da dies Aufwand bedeutet. Und so gibt es auch Winzervereinigungen wie „respekt“ oder die „Ethos-Winzer“, die ihre eigenen Grundsätze verfolgen.

Letztendlich ist mit dem Kauf eines vermeintlichen teureren Bio-Weins immer auch viel Vertrauen an die Integrität des Winzers gebunden.

Zurück zur Grundfrage: ist Bio-Wein der bessere Wein? Aus meiner Sicht nicht zwangsläufig, zumal das Label „Bio-Wein“ gar nichts über die geschmackliche Qualität des Weins aussagt.

Von daher ist es für mich essenziell, den Winzer, der hinter den Weinen steht zu kennen. Bevor ich einen industriell produzierten Bio-Wein (auch das gibt’s) trinke, bevorzuge ich lieber einen Wein von einem konventionell aufgestellten Winzer, von dem ich weiß, dass er sich möglichst naturnah um seinen Weinberg kümmert und im Keller versucht, den Wein möglichst wenig zu manipulieren. Die Bandbreite ist da riesig.

Kluge Winzer haben erkannt, dass sie sich gegenüber industriell produzierten Massenweinen abgrenzen müssen, um die Persönlichkeit ihrer Weine aufleuchten zu lassen. Neben der zunehmenden biologischen Bewirtschaftung spielen hierbei v.a. auch die Spontanvergärung und der Verzicht auf allzu kalte Vergärung (mit entsprechenden Reduktionsnoten = Frische) eine wichtige Rolle. Das verändert v.a. das Geschmacksbild des Weißweins deutlich. Die Weinaromen springen nicht mehr aus dem Glas, sondern sind gediegener. Naturweine, die versuchen völlig ohne Zugabe von Schwefel auszukommen, gehen in die oxydative Richtung. Das wird nicht von jedem Kunden akzeptiert. Aber genauso, wie sich der Mensch an bestimmte Aromen gewöhnt, so kann er sich auch wieder an veränderte Aromen gewöhnen und somit die Qualität der veränderten Aromenwelt einschätzen. Da diese neue Welle des minimal-invasiven Eingriffs in Mode kommt, bekommen wir es mit mehr ehrlichen Weinen zu tun, bei denen der Winzer darauf achten muss, dass er das ganze Jahr über im Weinberg und im Keller sauber arbeiten muss, um sich nachträgliche Manipulationen zu ersparen. Und das sollte doch im Interesse von uns Verbrauchern stehen.

 

Wer jedoch glaubt, derartige Qualität billig zu bekommen ist jedoch auf dem Holzweg.