Wohlstand - was ist das?

Wir haben gerade Landtagswahlen hinter uns. Ich denke es ist unstrittig, dass Menschen Parteien wählen, von denen sie glauben, dass sie das Beste für unser Land tun, um Wohlstand zu erhalten. Und mir scheint, dass viele Angst haben genau diesen Wohlstand zu verlieren.

 

Was aber ist Wohlstand? Er setzt sich aus materiellen und immateriellen Faktoren zusammen. Ersteres kann man einfach messen – zweiteres ist subjektiv.

 

Ersteres kann man kaufen – zweites kann man erleben.

 

Erstes muss man sich verdienen – zweites geschieht.

 

 

 

Im politischen Diskurs geht es immer um Erstes, denn das subjektive Wohlbefinden kann die Politik nicht beeinflussen.

 

Bzw.: in unserer Welt geht man davon aus, dass der materielle Wohlstand den immateriellen Wohlstand befördert.

 

Und das ist ja wohl auch nicht völlig falsch. Niemand würde bestreiten, dass es jenen Menschen besser geht, deren Existenz nicht nur gesichert ist. Andererseits strömen Menschen aus Ländern zu uns, die aus dem Elend kommen, in der Hoffnung ein bisschen was von unserem Wohlstand abzubekommen.

 

Ich persönlich bin unfassbar froh, das Glück zu haben, auf diesem Teil der Erde groß geworden zu sein. Und da dies kein politischer Blog ist (bzw. sein will): Ich bin dankbar, den Luxus zu genießen, Weine in den uns zur Verfügung stehenden Qualitäten trinken zu dürfen.

 

Ist es aber unredlich, Weine in Preisbereichen zu konsumieren, wo Menschen aus ärmeren Ländern viele Tage Brot zum Überleben hätten?

 

Meine Antwort ist „Jein“. Und Vorsicht: nun werde ich moralinsauer.

 

Denn: ich kann nichts mit Menschen anfangen, die teure Weine trinken, nur weil sie sich es halt leisten können. Denn Weine und Champagner sind nicht nur Genussmittel, sondern auch Statussymbole, mit denen man anderen zeigt, was man sich leisten kann. Wichtig: damit der Gegenüber checkt, dass es sich um einen teuren Wein handelt, muss der Name auf dem Etikett möglichst bekannt sein. Schließlich will der Gastgeber nicht erklären müssen, dass es sich um einen teuren Wein handelt. Man nennt solche Menschen abschätzig „Etikettentrinker“.  In solchen Fällen wird der Wein Mittel zum Zweck des Beeindruckens seines Gegenübers bzw. Bestätigung seiner eigenen Grandiosität. Menschen mit solchen Absichten, werden bei mir nicht zufriedengestellt.

 

Anmerkung: Ich will hier nicht postulieren, dass jeder, der sich richtig teure Weine leisten kann gleichfalls ein narzisstischer „Etikettentrinker“ sei. Und „Sozialneid“ ist auch nicht meine Sache.

 

Was ich postuliere, ist nur: JEDER soll die Möglichkeit haben, zu genießen. Ich selbst komme aus einem bäuerlichen Arbeiter-Milieu. Unvergessen, wenn meine Mutter uns Kindern Radieschen-Brote brachte. Schwarzbrot, Butter und gesalzene (frisch gezogene) Radieschen. Ein Traum. Vieler solcher kulinarischer Ur-Erlebnisse könnte ich noch aufzählen.

 

Und irgendwann kam der Wein. Mit einem Grünen Veltliner Federspiel wurde ich angefixt. Jetzt verstand ich erst, dass man beim Trinken von Wein nicht nur an Säure und Zucker denken kann, sondern Aprikosen und Pfirsiche vorm geistigen Auge auftauchen. Meine Frau und ich teilten dieses Erlebnis in einem guten Restaurant, das eigentlich viel zu teuer für unsere Verhältnisse war. Doch der Wein ließ mich nicht los uns so suchte ich ähnliche Qualitäten zum günstigen Preis. Wir besuchten nun Weinfachhändler und beschrieben, was wir haben wollten: Weine mit Frucht. Aber was wir bekamen, war wieder Säure und Zucker. Grausam.

 

Ab da verstand ich: Wenn du guten Wein willst, musst du tiefer in die Tasche greifen. Und das tat ich und tue es bis heute.

 

Denn mit meinen bescheidenen Mitteln kann ich mir tatsächlich Wohlstand kaufen! Wohlstand ist für mich ein Zustand, bei dem ich mich wohl fühle. Ich vergleiche es gerne mit Restaurants: günstige Restaurants sind ihr Geld nicht wert, wenn sie liebloses Essen auftischen. Auf der anderen Seite können Gourmet-Restaurants günstig sein, wenn man die kulinarische Leistung gegenrechnet. Als jemand, der selbst schon 7-8-Gänge-Menüs für lediglich 10 Personen gekocht hat, weiß ich welche Leistungen hier abgerufen werden.

 

Und zu Hause? Ich finde es spannend, wenn ich beim Einkaufen sehe, was vor mir so alles auf dem Band liegt. Ich möchte behaupten, dass bei einer Vielzahl von Kunden ein höherer Rechnungsbetrag rauskommt als bei mir. Wieso?: ich verzichte möglichst auf Fertigprodukte. Mir geht es auch nicht darum, viel im Kühlschrank zu haben. Und schon gar nicht geht es mir darum, günstige Lebensmittel auf Vorrat zu haben. Denn das, was mir (und meiner Familie) Wohlstand bringt, ist der unverfälschte Geschmack guter Lebensmittel, die ihren Preis wert sind. Und das Wissen um die Verarbeitung der Lebensmittel.

 

Genießen bedeutet für mich das bewusste Er-schmecken der Lebens-Mittel und die Kunst des Weglassens industriell gefertigter Produkte. Und ich merke, dass mir immer mehr Weine schmecken, deren Winzer ebenfalls diese Philosophie beherzigen. Ja, auch in der Weinbereitung gibt es industriell gefertigte Produkte.

 

Das scheinbar paradoxe: Jene Winzer, die mehr weglassen, machen teurere Weine. Wieso? Mit Zusatzstoffen kann man im Weinkeller Fehler ausbügeln, die z.B. durch unsauberes Lesegut entstehen. Insofern muss der Winzer von naturnahen Weinen mehr Arbeitszeit und Mühe in das Produkt stecken, was zu höheren Kosten und schließlich teureren Weinen führt.

 

Und jetzt erlaubt mir doch noch den Bogen zum Politischen zu spannen. Wir sind darauf fixiert, dass sich Wohlstand nur durch Wachstum generieren lässt. Doch Wachstum war bisher stark an den verstärkten Ressourcen-Verbrauch aus der Natur gebunden. Wie wär´s, wenn wir wieder einen Schritt zurück gehen und Wachstum so schaffen, indem wir mehr persönliche Ressourcen einsetzen, um hochwertigere Produkte zu konsumieren?

 

Die Kulinarik kann hier Vorreiter sein und als Konsument natur-ressourcenschonender Produkte können wir so noch was für eine bessere Umwelt tun. Das Geld kommt zudem da an, wo die ursprüngliche Leistung erbracht wird.

 

Ich denke nicht, dass Genießen dann nur was für Reiche ist. Denn wenn man bewusst genießt, braucht man weniger, um glücklich zu sein.

 

Als Weinhändler war es für mich von vorneherein wichtig, gute Weine anzubieten, die sich auch der „Otto-Normal-Verbraucher“ leisten kann. Was aber für den Einzelnen gut ist und zu dessen Wohlstand führt, kann ich nicht beurteilen. Denn die Geschmacksknospen der Menschen unterliegen einer Vielzahl von Einflussfaktoren.

 

Von daher: was ich richtig spannend finde (und mir Freude bereitet), ist das gemeinsame Probieren von Weinen. Hier kann nicht nur jeder seinen persönlichen Wein aussuchen. Hier kommen die Menschen zusammen. Und es passiert etwas, was auch zu Wohlstand führt:

 

Menschen aus unterschiedlichsten politischen und weltanschaulichen Lagern, kommen des sinnlichen Genusses wegen zusammen. Und jeder fühlt sich wohl, egal ob er lieber einen Veltliner oder einen Blaufränkisch, einen trockenen oder süßen Wein trinkt.

 

Der Wohlstand entsteht durch das BEWUSSTE genießen, bei dem man sich ganz auf das Lebensmittel einlässt. Sich auf den anderen einzulassen, bewirkt ähnliches.

 

Wie bei den Weinen findet man nicht gleich zu jedem Zugang. Aber in der Auseinandersetzung versteht man vielleicht beide.

 

Im Wein liegt ja sprichwörtlich die Wahrheit. Ich habe noch nie Weinrunden erlebt, die im Streit auseinander gegangen wären, selbst wenn es politisch konträr wurde und jeder seine Wahrheit zum Besten gab. Möge das immer so bleiben!