Vor etlichen Wochen gab es in der deutschen Winzerschaft einen großen Aufschrei, weil sich eine Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ zur These hinreißen lies, es wäre gut, wenn der Weinabsatz zurückginge, da Alkohol ungesund sei.
Hintergrund ist die z.T. existenzbedrohende Absatzlage von Wein. Dies gilt im Übrigen nicht nur für deutschen Wein. Im Bordeaux werden beispielsweise hektoliterweise Wein entsorgt und Flächen gerodet. Selbst die renommierten Wein-Chateaus müssen bei ihrer exorbitanten Preis-Politik Federn lassen.
Sollten wir also aus Solidarität mit den Weinbauern mehr Wein trinken, wie es der Bauernpräsident fordert? Meine Meinung dazu: Nun, wenn das der Ansporn zum Weintrinken ist, dann mag das edel im Gemüt sein. Aber ich trinke doch nicht aus Mitleid Wein, sondern weil er mir einfach schmeckt.
Und das Alkoholproblem? Ich finde es gut, dass sich gerade die jungen Menschen dem gesunden Lebensstil zuwenden. Aber ich rede beim Weingenuss ja nicht vom „Saufen“. Genuss ist immer eine sehr bewusste und achtsame Beschäftigung mit der Freude an der Qualität. Für mich ist es, wie gute Musik zu hören und somit schon fast eine Kunstform.
Karl Fritsch (Top-Winzer aus dem Wagram) hat in den 90er-Jahren in einem Gespräch mit mir mal angemerkt: Österreich hat nur 1% der Weinanbaufläche der Welt. Mit Menge könnten sie somit nicht punkten, sodass Qualität die einzige Option bleibe. Die österreichischen Winzer, deren Weine ich am Anfang meiner „Wein-Karriere“ besonders bevorzugt habe, sind deshalb in großer Anzahl den Weg der Qualität gegangen und sind damit erfolgreich gewesen.
Nun Österreich war nun mal auch sehr mit der Aufarbeitung des Weinskandals beschäftigt, was sein Übriges für die Qualitäts-Offensive tat.
Deutschland blieb dagegen davon weitestgehend unberührt. Und die Anbaufläche ist in Deutschland zudem deutlich höher. Viele Betriebe sind deshalb im Vergleich zu Österreich erst später aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Inzwischen haben wir eine deutsche Weinszene, die es Wert ist, sich damit zu beschäftigen. Denn die Qualitäten sind z.T. Weltklasse. Und das zu einem oftmals im internationalen Vergleich erfreulichen Preis! So bekommt man die sog. „Großen Gewächse“ bereits ab einem Preis über knapp 30 €. Und da reden wir schon von Top-Winzern! Im Bereich „Gutswein“ (Basisweine) sind wir z.T. deutlich unter 10 €. Und die Mittelklasse-Weine (Ortwein) sind i.d.R. bei 10-15 € angesiedelt. Eine Kategorie, wo man für bezahlbares Geld oftmals hervorragende Qualitäten bekommt.
Primus inter pares ist bei den Rebsorten eindeutig der Riesling. Nirgendwo sonst in der Welt bekommt man so eine Fülle und Qualität an Rieslingen, wie in Deutschland. In Deutschland fällt diese Sorte immer besonders mineralisch aus und wirkt leichtfüßiger als in vielen anderen Gegenden. Gerade die restsüßen Varietäten begeistern durch eine unglaubliche Fruchtfülle bei extrem niedrigen Alkoholgraden (oftmals deutlich unter 10 %!). Das sollte doch mal ein Grund für die Alkohol-Skeptiker sein, wenn schon Wein, dann deutschen Wein zu trinken!
Doch sollten wir bei aller Begeisterung für den deutschen Riesling nicht außer Acht lassen, dass der Weißburgunder nirgends so eine Bedeutung hat, wie in Deutschland. Für mich ist es der Gentleman unter den Weißweinen. Immer elegant, nie aufdringlich und dem kulinarischen Partner unterordnend.
Ähnlich Attribute könnte man aber auch dem Silvaner zuordnen. Kein Anbaugebiet steht so sehr für diese Sorte, wie Franken. Dabei gibt es auch in anderen Appellationen hervorragende Vertreter dieser Sorte. So wird er z.B. auch gerne und gut in Rheinhessen angebaut.
Gerade bei den Weißweinen gibt es zudem eine fast schier unübersehbare Vielfalt.
Bei den Roten hat der Spätburgunder in Deutschland eine ähnliche wichtige Rolle wie der Riesling bei den Weißen. Auch hier gilt, dass in Bezug auf Preis-Leistung Deutschland eindeutig die Nase gegenüber Frankreich vorne hat. Der Pinot noir (so wie er ursprünglich in Frankreich heißt) ist teilweise schier unbezahlbar. Ehrlich gesagt: ich bin nicht in der Lage, die Qualitäten miteinander zu vergleichen, weil ich mir die guten Burgunder aus dem Ursprungsgebiet schlicht nicht leisten kann. Vergleicht jedoch bezahlbare Pinot noirs (2. – 3.-Weine) mit den deutschen Spätburgunder, so hat in vielen Fällen der Einheimische die Nase vorne. Mittlerweile macht sich das auch schon sowohl in internationalen Bewertungen, wie auch den Preisen bemerkbar. So zahlt man für deutsche Spätburgunder z.T. dreistellige Beträge. Den Spätburgunder „Hölle“ vom Weingut Thörle habe ich vor ca. 10 Jahren noch für 15 € bekommen. Heute kostet er 80 € und wird international gefeiert. Aber darunter gibt es eine Vielzahl von Anbietern, die diesen edlen Wein noch bezahlbar anbieten.
Die Klimaerwärmung führt im Übrigen dazu, dass mittlerweile internationale Rotwein-Sorten angebaut werden und teil ausgezeichnete Weine daraus gekeltert werden. Darunter Cabernet Sauvignon, Syrah oder Merlot. Z.T. wenden sich die deutschen Winzer auch den klassisch österreichischen Rebsorten, wie Blaufränkisch (hier oft Lemberger genannt – insbesondere in Baden), St. Laurent oder Zweigelt zu.
Die Süßweine genießen ohnehin Weltruf, aufgrund ihrer phänomenalen Süße-Säure-Spannung. Die sind allerdings meist keine Schnäppchen.
Unabhängig von den wirklich guten Qualitäten, sind in den Weinbaugebieten herrliche Kulturlandschaften, wie die Mosel, der Mittelrhein oder der Kaiserstuhl entstanden, welche die Weingegenden zu sehenswerten Urlaubszielen macht. Und der Menschenschlag ist interessanterweise in den Weingegenden auch immer besonders zugänglich und freundlich.
Trinkt also deutschen Wein nicht aus Mitleid mit den existenzgefährdeten Weinbaubetrieben, sondern weil er einfach gut ist!
